»Die Angst vor Knatsch im Kollegium ist zu groß: Wer legt sich schon gern mit dem Sportlehrer an?«

So forsch beginnt ein Artikel, der am 3. Januar 2008 auf Spiegel online erschien.
 
Ähnlich forsch geht es weiter: »Zwei Lehrer gehen mittags nach der Schule nach Hause. Der eine hat einen dicken Stapel Englisch-Klausuren im Gepäck. Später wird er den Unterricht des nächsten Tages vorbereiten und noch bis tief in der Nacht mit einem Rotstift in den 32 Texten herumstreichen. Der andere ist Sportlehrer. Er hat jetzt Feierabend und freut sich schon auf die Theaterpremiere mit seiner Frau.«
 
Ist damit unser Anliegen in der breiteren Öffentlichkeit angekommen? Angesichts der reißerischen Formulierungen muss man das leider – noch – verneinen. Zumal die Autoren nach dem frechen, wenn auch treffenden Einstieg das Grundproblem im weiteren Verlauf des Artikels wieder aus den Augen verlieren:
 
Umfangreiche Korrekturarbeit fällt nur bei den Lehrern entsprechender Fächer an; sie werden dafür nicht gerecht entlastet.
Wer kein Korrekturfach unterrichtet, leistet keine Korrekturarbeit, braucht sich um andere Berufsarbeit in ausgleichendem Umfang aber nicht zu scheren.
 
Wollten Sie nicht schon immer mal Ihren Standpunkt zu diesem Thema darlegen? Dann beteiligen Sie sich doch an der Online-Diskussion darüber. An sachverständigen Äußerungen herrscht dort etwas Mangel. Das trifft schon auf den Artikel selbst zu. Oder kennen Sie jemanden, der 32 Oberstufen-Klausuren an einem Nachmittag und Abend wegkorrigiert – und zwar, nachdem er seinen Unterricht vorbereitet hat?

 


Tut sich da was?

Mit einem Rückblick auf die lange Jahre auch von höchsten Politikerkreisen genährten Vorurteile über die Arbeitszeit der Lehrer (»Halbtagsjobber«, »faule Säcke«) leitet Tanjev Schultz von der Süddeutschen Zeitung seinen Bericht über die neueren und neuesten Entwicklungen in der Diskussion um die Lehrerarbeitszeit ein – und macht gleich klar, dass die Ära der populistischen Anbiederung an diese Erscheinungsform des »Volksempfindens« zu Ende geht.
 
Schultz hat sich für seinen Artikel weit umgeschaut: Uwe Schaarschmidts Buch Halbtagsjobber? (Beltz Wissenschaft, 2004 u.ö.) wird erwähnt, desgleichen die Anschluss-Studie Gerüstet für den Schulalltag (Beltz, Juni 2007), die die durchschnittliche Wochenarbeitszeit der Lehrer auf 52,9 Stunden beziffere. Der Wert bestätige im Wesentlichen das Ergebnis einer fünf Jahre alten Freiburger medizinischen Untersuchung an 950 Lehrern, die auf 51 Stunden kam.
 
Schultz erinnert an die seit 1999 aus der Untersuchung von Mummert und Partner bekannte groteske Arbeitszeitdiskrepanz unter den Lehrern: Manche müssen 3500 Jahresarbeitszeitstunden leisten, andere arbeiten fürs gleiche Geld und die gleiche Rente weniger als 1000 Stunden im Jahr – ein ganzes Berufsleben lang. Dass die Lehrer, die eher 3500 als 1000 Stunden pro Jahr für den Beruf aufbringen müssen, sich ihre Ausbeutung nicht länger gefallen lassen und sich jenseits der großen Berufsverbände organisieren, spricht Schultz in einem Absatz aus, der sich mit den Zielen unserer Korrekturfachlehrervereinigung auseinandersetzt.
 
Wie ist Abhilfe zu schaffen? Von den beiden großen Lehrerverbänden hätten die Vielkorrigierer in NRW nichts zu erhoffen, so Schultz: Die beiden Großen wollten nichts wissen von einer Gewichtung der Unterrichtsverpflichtung nach Unterrichtsfach und -einsatz wie in Hamburg oder im »Mindener Modell«. Bei der Landtagsanhörung am 6. Juni in Düsseldorf hätten sie darauf »gereizt« reagiert und nur pauschale Arbeitszeitverkürzungen gefordert.