In der Schule können wir versuchen, die uns zugewiesenen ukrainischen Kinder und Jugendlichen möglichst gut zu beschulen und zu betreuen – indem wir etwa bei Freizeitangeboten mithelfen oder auch uns nötigenfalls Grundkenntnisse im Umgang mit Traumatisierten aneignen, um den uns in der Schule Anvertrauten möglichst gut gerecht zu werden. Wir können aufpassen, dass unsere Lernenden mit russischem Migrationshintergrund nicht ausgeschlossen oder gar angefeindet werden. Verbreiten diese unkritisch russische Falschinformationen oder Halbwahrheiten zum Ukrainekrieg, so sollten wir mit belastbaren Informationen dagegenhalten – hart in der Sache, aber verbindlich im Ton. Vielleicht erreichen unsere objektiveren Informationen auf diese Weise ja auch Teile der russischen Öffentlichkeit. Wollen die Kinder und Jugendlichen in der Schule über ihre Angst sprechen (z. B. vor einem baldigen Atomkrieg), so können wir als erwachsene Autoritätspersonen mit unserem Wissensvorsprung versuchen, zumindest unbegründete Ängste abzubauen.

Möglichkeiten für uns als Lehrende allgemein

Neben diesen Möglichkeiten der konkreten Soforthilfe stehen uns im Lehrberuf auch langfristige Mittel zur Verfügung, die dazu beitragen können, das Führen solcher Kriege wie den in der Ukraine künftig zu erschweren oder zu verhindern.
Kriege brechen nicht einfach aus wie ein gefährliches Tier oder ein Vulkan, sondern sie werden von Menschen geplant, vorbereitet (auch propagandistisch) und schließlich geführt, weil Menschen das wollen und zu wenige das verhindern. Hier können wir ansetzen:
Als Erziehungsexpert/inn/en und mit unseren einzelnen Unterrichtsfächern – ob Deutsch, Russisch, Religion, Geschichte, Sozialwissenschaften oder auch Physik – haben wir im Unterrichtsalltag viele konkrete Möglichkeiten, unsere Schülerinnen und Schüler zu mündigen, informierten, demokratisch gesinnten, empathischen Menschen zu erziehen, die Krieg und allgemein Gewalt als Mittel der Konfliktlösung ablehnen.

Möglichkeiten in Sprachfächern

Viele in unserer „Vereinigung der KorrekturfachlehrerInnen“ unterrichten Deutsch und andere Sprachfächer. Hier können wir z. B. durch die Auswahl geeigneter Texte die Schrecken eines Krieges und seiner Folgen thematisieren und Friedenserziehung betreiben, etwa durch Mascha Kalékos Gedicht „Chor der Kriegswaisen“, Jewgeni Jewtuschenkos Lied „Meinst du, die Russen wollen Krieg?“ oder Guy de Maupassants Erzählung „La mère sauvage“.
Beim Unterrichten lebender Fremdsprachen vermitteln wir die Fähigkeiten, fremdsprachliche Texte im Original zu lesen, mit anderen auf Augenhöhe zu kommunizieren; wir geben landeskundliche Informationen, stärken interkulturelle Kompetenz und Toleranz gegenüber anderen Lebens- und Sichtweisen, führen Schulaustausche durch und tragen so dazu bei, dass unsere Schüler/innen sich mit Vertreter/inne/n anderer Nationen im doppelten Wortsinn gut verstehen können. Unseren heutigen Schülerinnen und Schülern könnte so leicht keiner mehr weismachen, dass und warum Deutschland gegen den „Erbfeind“ Frankreich Krieg führen muss.
Wir lassen Reden analysieren und können so zeigen, wie sich mit Sprache manipulieren und Propaganda betreiben lässt, wie durch Wortwahl gehetzt und mit Euphemismen (wie „Gefallene“ oder „militärische Spezialoperation“) Krieg verharmlost und seine Akzeptanz erhöht werden kann.

Möglichkeiten in anderen Fächern

Im Kunstunterricht könnte man vorführen, wie mit Memes, mit manipulierten Bildern und Videos Propaganda betrieben oder mindestens Verwirrung gestiftet wird – und wie sich solche Fälschungen erkennen lassen.
Die nur vordergründige Attraktivität und Überlegenheit autokratischer Regimes oder illiberaler Demokratien (die in Deutschland von rechten Parteien oft verharmlost bis verherrlicht werden) kann im Sozialkundeunterricht kritisch thematisiert werden.
Im Informatikunterricht lässt sich demonstrieren, wie Algorithmen in Suchmaschinen und sozialen Netzwerken unsere Wahrnehmung beeinflussen, weil sie nicht auf Wahrhaftigkeit hin optimiert sind, sondern auf hohe Klickzahlen.

Möglichkeiten fächerübergreifend und im täglichen pädagogischen Handeln

Bei der Schulung von Medienkompetenz (u. a. in Methodentrainings) zeigen wir, wie man im Internet und in den sozialen Medien seriöse Informationen von unseriösen unterscheidet und sich selbst ein möglichst objektives Bild macht. Bei der Anfertigung und Rückmeldung zu ihren Facharbeiten erfahren die Schüler/innen, dass und warum Faktentreue, die Belegbarkeit von Aussagen, empirisches Vorgehen, Plausibilität anzustreben sind – und nicht reine Behauptungen oder gar das Reproduzieren von „fake news“, die ja gerne bemüht werden, um die öffentliche Akzeptanz fragwürdiger Vorhaben, z. B. eines Krieges, zu erhöhen.
Wir vermitteln Werte, erziehen die Kinder und Jugendlichen zur Mündigkeit und leisten einen Beitrag zur Einübung demokratischer Tugenden. Wir tun dies bei jeder Debatte/Diskussion, die wir erlauben oder anstoßen, bei jeder Wahlmöglichkeit, die wir anbieten (z. B. von Klassenfahrtszielen, Klassensprecher/inne/n, zu lesenden Lektüren), jedes Mal, wenn wir abweichende Meinungen tolerieren, jedes Mal, wenn wir konstruktive Kritik üben und an uns selbst zulassen.

Den derzeitigen Krieg in der Ukraine können wir leider nicht mehr verhindern. Aber wir können in unserem Beruf einen nicht geringen Teil dazu beitragen, dass die zukünftigen Multiplikator/inn/en und Entscheidungsträger/innen der Gesellschaft – nämlich unsere Schülerinnen und Schüler – dafür sorgen, dass die Parole „Nie wieder Krieg!“ kein frommer Wunsch bleibt, sondern Wirklichkeit wird.